SOPHIST - Philosophische Zeitschrift für Studierende

Sophist
Sophistische Worte zur Namensgebung – der Versuch einer Apologie

Die Sophisten der griechischen Antike sind aufgrund ihrer naturalistischen, erkenntnisskeptischen und ideologiekritischen Haltung heute aktueller denn je. Ihnen wird aus gegnerischen Lagern zu Unrecht – wie ich im Folgenden zeigen möchte – „eine gewisse Nachlässigkeit im Umgang mit dem theoretisch Wahren, eine spürbare Vorliebe für momentan Rettung bietende Auswege aus misslichen Diskussions- und Lebenssituationen“ und ein „ausgekochtes Beharren auf dem Wortlaut von Äusserungen zu Ungunsten ihres Sinnes“ (1) vorgeworfen.
Was Philosophen mit dem nach alldesinfizierender Krankenschwester riechenden Wort „Vernunft“ bezeichnen, ist vielleicht nicht mehr als ein Werkzeug einer gewissen amoralischen Lebensklugheit und Überredungskunst. Was, wenn vermeintlich unumstürzbare Gewissheiten lediglich Erzeugnisse eines kognitiven Bewältigungsversuchs der Erfahrung und einer Anpassung an die uns umgebende Welt und „objektiv“ nichts weiter als der Name dessen wäre, worüber mühelos Konsens erzielt wird? Die ewige Wahrheit – allenfalls ist sie nicht mehr als eine für bestimmte Zwecke nützliche Fiktion oder ein unhinterfragtes Relikt, entsprechend den griechischen Göttern, welche von den Sophisten (Kritias) als fingierte Sanktionsgaranten zur Wahrung der politischen Ordnung entlarvt wurden. Nicht nur die ethischen und ästhetischen Werte werden humanisiert, wenn Protagoras den Menschen zum Mass aller Dinge erklärt; auch an Göttliches und Transzendentes erinnernde Werte wie Wahrheit und Objektivität werden ‚runtergekocht’. Aus der Sicht Platons – dem wir nicht nur danken sollten für dasjenige, was wir über die Sophisten zu wissen glauben – ist dies ein Akt der Entfundierung ethisch-politischer Praxis. Was aber, wenn die Praxis, das Konkrete und das Kontingente für sich selbst sprächen und kein defizitäres Abbild des Zeitlosen zu sein hätten? Was, wenn das Kriterium zur Unterscheidung zwischen Überredung und Überzeugung, Konstruktion und Entdeckung seine Nützlichkeit in bestimmten Kontexten einbüsste?
Die Sophisten betonten die Konventionalität, Perspektivität und Relativität des Ästhetischen, Ethischen und Alethischen, was sie dazu trieb, überpositive Werte und Normen fallen zu lassen. Aussprüche, wie derjenige eines Thrasymachos „Das Gerechte ist das dem Mächtigeren Zuträgliche“ müssen als Konsequenz der skeptischen Haltung gegenüber einer in der (menschlichen oder kosmischen) Natur auffindbaren und verpflichtenden Wertsphäre verstanden werden. Diese heute vielleicht mehr denn je nachvollziehbare Skepsis soll jedoch nicht eine unverantwortliche Machtakkumulation des Einzelnen legitimieren, im Gegenteil, sie will Ideologie betreibende Machtausübung aufdecken mit dem Ziel, ein gelingendes Zusammenleben eines aufgeklärten Kollektivs ohne übernatürliche Fiktionen zu ermöglichen und den Menschen zum Poeten seiner selbst werden zu lassen.
Die Tugend (arete) – die für den Menschen beste Lebensführung, welche sein Innerstes zur Entfaltung bringt und ihn ins Ganze fügt – wurde im Athen des 5. vorchristlichen Jahrhunderts durch die Entmachtung des aristokratischen Herrschaftstyps und durch die damit einhergehende Errichtung der griechischen Demokratie von einem ‚Erbgut’ zu einem Bildungs- und Erziehungsgut.(2) Es bildete sich ein politisches Klima zugunsten einer intellektuellen Elite, die mit dem Anspruch auf Bildungsführerschaft und Aufklärung der an die Macht gekommenen Öffentlichkeit auftrat. Diese die Demokratie prägende Öffentlichkeit durch Rhetorik zu lenken, wurde den Sophisten von Seiten der Philosophen vorgeworfen. Die Angst der Vernunft vor der Macht des rhetorisch überragenden Demagogen und die Berufung auf ein beinahe unmenschlich transzendentes Reich rein moralisch verpflichtender Regeln und Wirklichkeiten macht aber vielmehr den Anschein einer unehrlichen, ‚doppelten’ Sophistik. Denn diese gibt vor, sich „allein auf die Wahrheit“ zu berufen, um durch die vom Publikum gewünschte Interesselosigkeit der Meinungskundgabe die Meinungen und Wünsche des Adressaten den eigenen zu assimilieren und ihn so durch den ‚zwanglosen Zwang des besseren Arguments’ die eigenen Interessen vertreten zu lassen.
Wir sehen also grosse Schwierigkeiten in der Aufgabe, den Sophisten hinreichend klar vom Philosophen (wie immer dieser auch beschaffen sein mag) zu unterscheiden. Dass sich der Philosoph auf die uneigennützige Suche nach der Wahrheit um ihrer selbst willen macht, der zu wissen meinende Sophist dagegen für pseudo-pädagogische Tätigkeit – die eristische Verbreitung blosser Meinungen (Sophisterei, Weismacherei) – auch noch Geld entgegennimmt, ist die parteiische Ansicht des platonischen Philosophen. Es ist bezeichnend, dass er gerade für seine finanzielle Unbedürftigkeit – vielleicht dem einzigen Merkmal, das ihn vom Sophisten unterscheidet – Sympathiepunkte beim Publikum erzielt, welche der Glaubhaftmachung des Gesagten überaus förderlich sind.

(1) Buchheim Thomas, Die Sophistik als Avangarde des normalen Lebens, Hamburg 1986, VII.

(2) Einen Aristokraten à la Platon liess dies wohl kaum kalt …